Ballzaubern statt Ballett

Mit kleinen Schritten treibt sie den Ball durch den Slalomparcours. Ein kurzer Sprint, Schuss und – Tor! Julie ist eines von 14 Mädchen, die bei der „Kicking-Girls“ AG in Versbach mitmachen. Mit mehr als zwölf solcher AGs an Kitas und Schulen ist Würzburg der größte Standort in Bayern. An diesem Tag haben die Mädchen Training.

So wie jeden Donnerstag nach dem Unterricht. Die Sonne brennt vom Himmel. Schon beim Nichtstun bilden sich Schweißtropfen auf der Stirn. Die Mädels stört das nicht. Sie dribbeln, schießen, tunneln, ziehen ab. Ballett? Reiten? Nein, die Mädchen haben sich für ein anderes Hobby entschieden: Fußball. Und für sie ist das auch nichts Besonderes. „Mädchen können auch das, was die Jungs können“, sagt das Nesthäkchen der Mannschaft, die siebenjährige Letisha Ogbimi.

Die anderen nicken energisch. Fragt man nach ihren Vorbildern, sind sie sich einig: „Mario Götze.“ Alle schauen sich regelmäßig Fußballspiele an. Ob Männer oder Frauen über den Platz stürmen, ist dabei egal. Stattdessen achten sie auf die Technik, die Spielzüge, die Tricks. „Vielleicht können wir, wenn wir groß sind, auch so gut spielen“, sagt Ogbimi.

Blickt man auf die Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland, ist diese Hoffnung durchaus berechtigt. „Der Mädchen- und Frauenfußball hat in den vergangenen zehn Jahren einen tollen Aufschwung erlebt und begeistert mittlerweile fast eine Millionen Mädchen und Frauen in Deutschland“, sagt Heinz Reinders. Er ist Professor am Lehrstuhl für empirische Bildungsforschung an der Universität Würzburg und zugleich sportlicher Leiter der Würzburger Schul-AGs. Seiner Ansicht nach haben vor allem die Vereine zu dieser Entwicklung beigetragen. „Dort werden Woche für Woche Mädchen und Frauen für das Fußballspielen begeistert und tolle Talente ausgebildet.“

Dabei sind die Unterschiede zwischen Jungs und Mädels nicht sonderlich groß. Das zeigt sich etwa, wenn man fragt, was sie am Fußball mögen: „Das Toreschießen“, ruft Ogbimi. „Mit den anderen zu spielen“, sagt die neunjährige Antonia Weigand. Teamgeist stärken, das ist Trainerin Jennifer Schlackl wichtig. „Wenn eine ein Tor schießt, wird nicht nur die Torschützin gefeiert, sondern das ganze Team klatscht sich ab. Schließlich war es eine Mannschaftsleistung“, erklärt Schlackl. Die 24-Jährige studiert an der Uni Würzburg Englisch und Biologie auf Lehramt. Beim Training der „Kicking-Girls“ kann die junge Frau ihre beiden Leidenschaften – Unterrichten und Fußball – unter einen Hut bringen. Sie spielt selbst seit der ersten Klasse Fußball. Damals waren abgesehen von ihr nur Jungs in der Mannschaft. „Es gab bei uns keine Mädchenmannschaft.“

Auch wenn langsam ein Umdenken stattfindet, spielen noch immer in vielen Vereinen vor allem Jungen Fußball. Mädchen trauen sich selten, mitzumachen, finden keinen Zugang zu dem Sport. Genau hier setzt das Projekt „Kicking Girls“ an. „Die Idee war und ist nach wie vor, Mädchen bereits ab dem Kindergartenalter für Sport und insbesondere Fußball spielerisch zu begeistern. Durch die AGs nur für Mädchen erhalten die Kickerinnen die Möglichkeit, für sich und ungestört den Spaß am Fußball spielen zu entdecken“, erklärt Reinders.

Das Training auf dem Sportplatz ist mittlerweile beinahe zu Ende. Zum Schluss dürfen die Mädchen im Spiel noch einmal zeigen, was sie können. Schlackl teilt die Mannschaften ein, verteilt blaue Leibchen an eine Gruppe. Schnell stecken die Teams noch einmal die Köpfe zusammen, feuern sich an.Anpfiff. Blau gegen bunt. „Verteilt euch!“, „Lauft euch frei!“. Entschlossen gibt die Trainerin Anweisungen. Schnell fällt das erste Tor für das bunte Team. Aber so schnell geben sich die Gegner, die Mädels mit den blauen Leibchen, nicht geschlagen. Sie kämpfen weiter und dann, eine Minute vor dem Abpfiff, erobert Julie Denkey den Ball, schießt und Tor! Jubelnd klatschen sich die Mädels ab. Abpfiff.

Erschöpft klemmen sich die Mädchen die Bälle unter die Arme und laufen zur Kabine. Schon jetzt freuen sie sich aufs nächste Training. Und dabei vor allem auf eines: das Toreschießen.

 

Neues aus der Wissenschaft

Der vorliegende Bericht stellt den Test zur Erfassung fußballbezogener Kompetenzen bei Nachwuchsspielerinnen vor. Der „Soccer COmpetencies in Realistic Environments“-Test (kurz: SCORE) basiert auf der Beobachtung der Performanz während einer 4-gegen-4-Spielsituation. SCORE ist ein Instrument zur Talentdiagnostik im Nachwuchsbereich und wurde für Spielerinnen im Alter von acht bis 16 Jahren erfolgreich erprobt. Spielerinnen werden mittels SCORE in sieben Dimensionen bewertet. Diese Dimensionen bilden die technischen Kompetenzen und das Spielverständnis der Spielerinnen zuverlässig, objektiv und valide ab.  Mehr dazu...

Über das NFZ

Das Nachwuchsförderzentrum für Juniorinnen wurde im April 2014 gegründet. Anlass war die Idee, talentierte Spielerinnen zu fördern und dabei den Entwicklungsbesonderheiten von Mädchen gerecht zu werden. Das innovative Konzept zielt dabei darauf ab, die Juniorinnen in ihrer ganzen Persönlichkeit und der Vielfalt ihrer sportlichen Fähigkeiten zu fördern und so den besonderen Anforderungen im Leistungsfußball der Mädchen und Frauen besser gerecht zu werden.

Faire Talentsichtung

Besondere Talente und Fähigkeiten müssen sorgsam entdeckt und gefördert werden, damit sich diese nachhaltig entwickeln können. Es gibt Situationen, in denen Heranwachsende in einer kurzen Testung nicht ihr gesamtes Potenzial entfalten. Deshalb werden im NFZ Spielerinnen über vier Wochen hinweg beim regelmäßigen Sichtungstraining beobachtet und fair in ihren Fähigkeiten eingeschätzt. Dadurch besteht die Möglichkeit, die ganze Spielerinnen-Persönlichkeit kennen zu lernen.